Texte zum Nach- und Vorlesen...

In loser Folge stellen ich immer wieder neues Textmaterial vor. Das Copyright liegt beim Autor.


Bernstein
Grauweißes Wasser
mit faserigen Mützen
glasig blasig langgezogen
wie dünn gewordene Leinenschals
von der Zeit geschlagen,
gezerrt, verzogen, zerknüllt,  zerfetzt,
zerrissen, zerbissen,
verschluckt und wieder ausgespuckt,
als wilde Gischt auf Wellenhöhen.

Der blauen Tiefe ein elegantes,
flockenleichtes Kleidungsstück geben,
die Federboa fliegt im Wind.
Das war der Plan.
Doch wütend rast die tosende Wasserwüste,
jagt die nassen Dünen vor sich - auf sich - her,
breite Schultern, schnelle Hände,
tiefstes Grabenschlagen trifft den Strand.
Wassergewalt kämpft mit dem hartsteineren Sand,
wirbelt ihn hoch und wirft ihn weit,
Körner leicht und fedrig, andere klumpenschwer.
Das Nass gräbt tief und immer noch viel tiefer
und zerrt und schiebt und reißt und drückt.
Und findet sein Ziel.
Greift zu und hält in nasser Faust ganz fest den Schatz.

Dann, sich drehend, rauscht die Welle
zurück zur Kraft des allgewaltigen Meeres,
auf dem Weg zu neuer Energie.
Spielerisch und ganz ohne darauf zu achten
wirft sie, die lebende Welle, den Schatz, der jetzt nur lästig ist,
weit von sich.

Sich drehend in der Gischt fliegt der Bernstein,
Millionen Jahre altes Harz,
einstmals Tropfen in der Sommerhitze der Urzeit.
gleißend in das Licht der Sonne.
Der sanft glänzende Stein fängt ein die Strahlen,
gelbes Licht blitzt plötzlich auf im Inneren
und zeigt ganz deutlich eine kleine Fliege.

So jetzt
Die typische Headline eines Jeden,
der gerade nachschaut in seinem Inneren,
was denn so passiert ist in den letzten Monaten.

Die Enttäuschung über die Szene,
die hier, wo wir sind, zerrissen scheint.
Die Künstler, die studierten,
versus die Freien, die nur ihren Talenten und Gedanken folgen können
und Dinge ausprobieren, spielen, experimentieren.
Aber auch die Kunstwelt beflügeln, Red Bull-like
(für den Werbeauftritt bekomme ich nichts...).

Künstler, die sich entschieden haben,
im Alltag zu ersticken.
Und doch das Potenzial haben, die Welt zu berühren.

Aber: Das ist schon in Ordnung.
Wer nie den erotischen Duft des salzigen Meeres,
nie die strahlende, alles befreiende Kraft der Sonne verspürt hat,
sich nicht öffnet für Großes,
wird vom Dämmerlicht des kleinen Stalls nicht belästigt.

Aber die Sonne scheint, der Wind zeigt seine Kraft,
die Wellen schlagen ohne Unterlass
und erinnern an das das, was war, was ist
und was sein wird.

Trauer um Verluste.
Schmerzen.
Das Leben spielt: Manche töten alles, was sie lieben,
damit das, was sie hassen, existieren kann.

Ach so, ja. Ich.
Habe Dinge getan.
Unter meinen Verlusten gelitten.
Bin krank geworden.
Habe lange gebraucht, bis ich wieder die Sonne sehen konnte
Und dann neue Dinge getan.
Habe irgendwann den Sprung aus ES gewagt,
zunächst gar nicht mal für mich.
Und wurde akzeptiert auf anderer Ebene.
Einfach so. Nur durch meine Arbeit.
Nicht durch Geld, nicht durch Beziehungen,
wie ich natürlich auch gehört habe.

Und konnte auf größerer Bühne erleben,
wie Kunst auch sein kann:
Froher, freudiger, freundlicher Austausch
mit den Menschen, deren Kunst du seit Jahren bewunderst.
Gespräche über vieles, natürlich auch über Belangloses,
und doch gaben wir uns alle etwas mit.
Und Gespräche über dich selbst, Gott, Kunst und die Welt.
Die Szene – ich sage nicht: Da Oben,
sondern ganz bewusst: die andere, mögliche Realität -
ist neugierig, sucht Neues,
ist begierig auf den Austausch.

Stell dir vor, du liegst im Leichensack,
bist aber noch gar nicht ganz tot.
Du verfällst in Panik, kannst dich nicht bewegen.
Und dann zieht jemand den Reißverschluss wieder auf
schaut dich an und sagt: Na, doch schon ex.
Reißverschluss zu.

Vernissage
Jede Menge Besserwisser.
Schwätzen.
Über mich.
Über meine Arbeit.
Über meine Kunst?
Lange, gewundene Sätze, wohlklingend.
Und völlig frei von Inhalt.
Hyänen, bissig, und – nicht zu vergessen -
Schnäppchenjäger.

Zwei Menschen gehen aber von Bild zu Bild,
unterhalten sich leise.
Sie sprechen mich später auf meine Kunst an.

Das Licht in der Galerie ist verloschen.
Im Halbschatten sehe ich meine Bilder
an den Wänden, grau in vielen Stufen.
Ganz leichte Rot,- Gelb- und Grün-Töne
mischen changierend sich ein,
die kleinen Farben spendet die Ampeln vor dem Haus.
Draußen fährt ein später Bus vorbei.
Drinnen ist es jetzt ganz still und leer.
Mir ist todlangweilig.

Drahtseil
(Sie schrieb: Etwas hat mich verletzt ...)

Balancieren, ohne den Blick nach unten zu richten.
Nur nach vorne schauen,
die Arme weit ausgebreitet.
Schwankendes Seil, Gefühl der Unsicherheit,
ich spüre den Wind der Zeit.
Den Abgrund vergessen,
das Ziel vor Augen sehen.
Immer.
Nur das Ziel vor Augen sehen.
Und Freude empfinden.
Große Freude.

Balance
Wen will ich erreichen?
Was will ich erreichen?
Wie wichtig sind mir Menschen?
Wie sehr will ich, dass sie mich verstehen?
Wie gleichgültig sind mir Menschen?
Wie wichtig bin ich?
Bin ich mir selbst genug?
Wie wichtig ist meine Kunst?
Für mich?
Für andere?
Wie wichtig ist mir das Verständnis anderer?
Bin ich fähig, Kompromisse einzugehen?
Will ich überhaupt Kompromisse eingehen?
Verachte ich mein Publikum?
Warum präsentiere ich meine Kunst?
Warum präsentiere ich mich?
Warum habe ich Angst?
Warum bin ich aggressiv?
Wie finde ich meinen Weg?
Ist es wichtig, andere auf diesen Weg mitzunehmen?
Sehe ich mich in den Augen anderer?
Kann ich noch erkennen, was andere denken?
Ist es mir gleichgültig?
Weil ich wichtiger bin als alle anderen?
Kann ich noch auf Gefühle reagieren?
Kann ich noch Liebe und Zuneigung erkennen?
Was wird morgen?

Zirkus Welt
Getrieben, fortgetrieben, hingezogen.
Nirgendwo zu Hause, überall daheim.
Manchmal geliebt, oft gehasst.
Selten erkannt. Nie gekannt.

Immer weiter geht die Reise
der bunten Wagen.
Tiere, Menschen in Käfigen.

Gaffer draußen.
Angst drinnen.
Angst vor heute. Angst vor morgen.
Vor dem Sturz vom Trapez.
Vor dem Aufschrei der Menge,
wenn du nicht mehr in der Höhe tanzen kannst.
Und doch erfüllst du deinen Zweck
im Zirkus Welt.

Circus Maximus überall auf dem Planeten.
Brot und Spiele, panem et circenses.
Blutrünstig stöhnt die Menge,
geilt sich auf an deinem Schmerz.
Blut ist ein starkes Aphrodisiakum.
Das Blut der anderen.
Bei öffentlichen Hinrichtungen in Frankreich
ließen sich die beobachtenden Hofdamen
von ihren Galanen ficken,
erlebten stöhnend laute Orgasmen,
wenn der Kopf blutspritzend
unter der Axt des Henkers ins Sägemehl rollte.

Was hat sich geändert?
Was hat die Menschheit gelernt
in den letzten Jahrhunderten?
In unseren Breiten gibt es zum großen Bedauern
der stumpfen Masse derzeit keine Hinrichtungen.
Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
Noch besteht Hoffnung auf den ultimativen Kick,
den schreiend lauten Höhepunkt.
Denn Köpfe rollen weiter,
Menschen werden getötet,
auch wenn sie weiter vegetieren.

Und die Masse geilt sich weiter auf am Schicksal
von Opfern, die vor ein paar Stunden noch Menschen waren.
Ein schneller Fick auf der Titelseite der Bildzeitung,
ein Blowjob vor dem Großbildfernseher,
Trash-TV liefert passend animierende Bilder.

Gedanken-Porno. Immer und überall.
Menschen gingen zu allen Zeiten in den Zirkus,
um Blut zu sehen.
Ein Dompteur, der seine Tiger und Löwen bändigt,
hat keinen Namen.
Ein Dompteur, der von seinen Tieren angefallen wird,
geil stöhnend vom Publikum verfolgt,
liefert Schlagzeilen und ist ein Star.

Bis der nächste stürzt, die nächste vor Schmerzen schreit.
Der Zirkus zieht weiter.
Getrieben. Fortgetrieben. Hingezogen.

Und die Welt dreht sich ruhig weiter.

Ich lebe, was ich schreibe ...
Texte aus verschiedenen Sammlungen


Gaia

Zeitschlingen driften himmelwärts,
rosa eingefärbt von leuchtenden Gedanken
verspielter Kinder tief auf der Erde.

Tropfen blauer Unendlichkeit
lächeln einander zu
beim rasenden Sturz auf grünes Gras.

Taubefeuchtet liegt die Erde,
Steine denken leise nach,
Schollen brauner Erde träumen.

Heftig Atemgleich stürmt der Wind
durch die Sphären, kann kaum an sich halten
vor aller rhythmisch pulsierenden  Kraft

Lichtschnell schießen Sonnenstrahlen
Über Monde und Planeten hin zu Sternen,
schwächer werdend, doch niemals ganz verglühend

Zeit und Wasser, Erde, Luft und Licht.
Sie spielen ihr ewig planlos-planvolles Spiel.
Und vergessen uns auf dem Weg in die Unendlichkeit



Matsch2Matsch
Erotik des Designs, drastisch dargestelltes Leben,
pittoreskes In-Szenesetzen alltäglicher Unscheinbarkeiten.

Das Spiel mit Materialien,
der hintergründige, vielleicht schlitzohrige Wunsch,
den Betrachter in die Irre zu führen,
ihm, dem Ratlosen, dann lachend zuzurufen:
Schau doch einfach hin …

Die Lust am Experimentieren,
am Zauber des vielleicht auch unerwarteten Ergebnisses.
Und immer wieder mit der Überraschung spielen:
Denn was du siehst, ist nie, was es wirklich ist.

Blicke sind Bilder sind Berührungen
sind Haut sind Nervenbahnen
sind Zellen sind Neuronen sind Explosionen
sind Gefühle sind Traum sind Realität.

Träume driften wie Nebel, berühren sich,
verschlingen sich ineinander,
ändern ihre Farben, Pastell wird knalliges Neon,
Botschaften sind unklar und doch scheinbar deutlich.
Und unverrückbar steht am Ende das Rätsel.

MOND
So jetzt den jungen Mond sehen.
ganz scharf, nach rechts geneigt.
Dann verlieren sich die Formen.

Und die Gedanken.


BILD
Gar nicht so leicht:
das Schauspiel nach außen.
Alles gut, alles klar, alles gesund.
Alles sehr gut inszeniert.
Jetzt die Pose halten

Und nichts stimmt.


Leidensweg
Knipsen kann jeder. Kann wirklich jeder.
Handy raus, draufdrücken, posten.
Die Inflation der Pixel sorgt
für neue, schnelle, emotionale Formen der Kommunikation.
Das ist gut.

Aber keine Fotografie.
Das bedeutet für mich:
Konzentration auf das Wesentliche.
Reduce to the Max.
Also keine Schnappschüsse,
obwohl die ihren Wert haben
und oft als tief-informative Pressebilder berühren.

Wenn ich fotografiere,
benutze ich mein drittes Auge,
ich meine nicht das Objektiv,
sondern das dritte Auge,
das uns die Altvorderen gegeben haben,
und fliege.


Weit fliegen und hoch,
ganz ziellos immer höher.
Von oben schauen, wie die Erde aussieht
und dabei bleiben:
ohne Wunsch treibend im Raum
jeden Sonnenstrahl genießen.

Denn nur das dritte Auge sieht,
welches Bild das Foto nachher ergeben wird.
Somit ist bei aller Technik und dem Wissen darum
auch bei der künstlerischen Fotografie
eine esoterische, philosophische Komponente gegeben.

Übrigens auch beim Betrachter:
Als ich vor kurzem um Ausstellungsplatz nachsuchte,
wurde ich abgelehnt.
Meine Werke entsprächen
zu wenig den Feng-Shui-Ansprüchen des Hauses …


Zeit
Langsam
tauchst du ein
in die wilde Brandung
der Ideen.
Badest im kühlen Wasser
deiner Erfahrung.
Du richtest den Blick
nach vorn,
siehst die nächste Welle.
Du freust dich auf ihre Kraft
und über deine Kraft.

DER WEG
Es sind vielleicht nicht mehr viele Jahre.
Aber ich will sie leben, jedes einzelne.
Mit meiner Liebe. Mit einer Liebe.
Und irgendwann am Abend
brennt das Feuer im Kamin.


Frühling

Wenn der Abend
langsam
auf die Stadt sinkt,
wenn die Lichter
langsam
heller werden,
wenn die Vögel
leise
leiser singen -
dann öffne ich die Augen.

Und sehe dich.


Sonnenzeit
Gleißendes Licht auf den Feldern
Trockenheiße Luft, so selten hier
Kaum ein Windhauch in den Wäldern,
Sonnenstrahlen ziehen ihre Streifenbahnen
durch die festlich-grünen Blätter
Goldglänzende Staubkörnchen tanzen würdevoll
dem blauen weiten Himmel entgegen

Kinder baden in den kühlen, flachen Bächen
Lachen, spielen glücklich ihre Sommerspiele
Menschen sitzen versunken im Schatten der Häuser,

Still, denken nach, treiben mit der Welt
Alles ist langsamer als sonst

Und alles ist leiser

Viel leiser


Frühlings-Gewitter
Wenn da nicht deine verdammte Intelligenz wäre. Dieses „Kenne ich schon lange“-Gefühl. Das Wissen, dass Worte nicht immer nötig sind. Und die Geistessprünge. Ein Wort – gleich ob von mir oder von dir – und der Adler beginnt zu schweben.

Und er steigt ziemlich hoch, steigt über die Wolken, sieht sich das kleine Leben auf der putzig weit entfernten Erde an. Je höher der Adler steigt, desto größer wird sein Überblick, und er kann sich seine Beute aussuchen. Er muss nicht das erste Opfer schlagen, das er sieht. Er kann auswählen, spielen mit dem Leben der Wesen, die er von weit oben betrachtet.

Manchmal dreht er seinen Kopf und schaut zur Sonne. Und manchmal schläft er fast ein, während er über das Land gleitet. Er fühlt die warmen Winde, die ihn sicher tragen. Aber er weiß, dass er wachsam bleiben muss. Denn es gibt andere Adler. Die sind zwar kleiner als er, aber sie fliegen auch sehr hoch, wenn auch nicht ganz so hoch wie er. Und sie suchen die gleichen Opfer.

Er liebt die Wolken, genießt das Gleiten durch die feuchte Kühle. Unter den Wolken wird es wieder warm. Er schaut nach unten, ganz ruhig. Heute wird er nicht jagen. Er streckt seine Flügel so weit wie noch nie  - und lebt ...

Crash

Wer nicht scheitert, wird immer erfolglos bleiben. Wellen waren das vor ein paar Tagen, die mit Urgewalt über mich wegzogen. So wie auf Maui, auf dem Bauch liegend das Surfboard paddeln, über den ersten Wellenkamm hinaus, dann gleiten, beschleunigen, auf die ganz große Welle warten. Und dann siehst du sie. Nicht eine Welle, wenigstens zwei, vielleicht drei, wenn die dritte dicht hinter der Zweiten heranrollt. Du weißt schon, dass sie jetzt steigt, und du steigst aufs Brett, schnell sein, damit du den Ride bekommst, in der rasenden Wasserhöhle, leuchtend von der Sonne Hawaiis durchstrahlt.

Du stehst, bekommst den Kick, beschleunigst, immer mehr, immer schneller. Und dann weißt du, jetzt musst du alle Kraft mobilisieren, das Gleichgewicht halten. Du drehst dich aus dem Surf, schießt mit Topspeed Richtung Ufer. Und dann brechen unmittelbar hinter dir die beiden nächsten Wellen, machen mit deinem Körper, was sie wollen, schlagen dich ziemlich heftig auf den Strand. An einem oder zwei oder drei Felsen holst du dir blaue Flecke, aber du spürst schon, das geht nochmal gut. Und dann geht es trotzdem nicht gut. Crash. Hart. Heftig.

Aber nach dem Aufprall siehst du plötzlich wieder Licht. Und weißt sofort, dass es dein Fehler gewesen war. Du hattest nicht auf die Zeichen der Natur geachtet, hattest nur dich im Blick. Leute kümmern sich jetzt um dich, du bist benommen. Du verstehst nicht, was sie sagen, du weißt aber, sie meinen wohl, wollen helfen. Trinkst etwas Wasser aus einer grünen Plastikflasche, die dir jemand hinhält, atmest tief durch. Dein Kopf wird klar, auch wenn dein Körper schmerzt. Du stehst du auf, gehst zu deinem Pick-Up und lädst das Reserveboard ab. Langsam gehst du zum Wasser, ganz bewusst das warme, weiche Blaugrün genießend. Eine kleine Welle würde dir jetzt reichen, du paddelst hinaus, stellst dich auf dein Board, du erwischst sie perfekt und kannst sie in einem langen, weiten Bogen zu Ende reiten. Als du langsam zum Strand gleitest, ganz in deine Gedanken versunken, allein, eins mit dem Meer, der Sonne, dem Licht und der Erde, überrascht dich der Applaus der Beobachter. Und du denkst: Fuck you.